Drei Hessen in China

Insgesamt flogen 6 deutsche Sportler -darunter 3 Hessen mit Till Fladung, Tobias Kroener und Janina Piaskowski- zusammen mit Manuela Gawehn als DKV Betreuerin und Mitglied des ICF Wildwasserkomitees nach China. Sie wurden vom chinesischen Kanu-Verband eingeladen, an 4 Wettkämpfen im westlichen China teilzunehmen. Neben sportlicher Leistung standen vor allem das Promoten des bis dato relativ unbekannten Kanu-Wildwasserrennsport und der kulturelle Austausch im Vordergrund. Nach einer über 40 stündigen Anreise erreichte das deutsche Team Panzhihua, die Stadt der Blumen und Austragungsort der ersten Wettkämpfe und traf dort auf 60 weitere, zu den Wettkämpfen eingeladen, Paddler. Schon bei der Ankunft am Flughafen wurden die Sportler aus insgesamt 21 verschiedenen Nationen mit einem Blitzlichtgewitter empfangen wie Superstars. Gespannt auf die Rennstrecken, ging es dann auch sofort zum Training auf dem Jangtse River. Nach dem fantastischen Empfang mit etlichen Tanzgruppen folgte die erste Ernüchterung: Statt in den gewohnten Carbon-Rennbooten mussten die Rennen in schweren, seekajakähnlichen Plastikbooten gefahren werden. Eine weitere Umstellung stellte das Essen dar, denn es gab original chinesische Küche. So war es keine Seltenheit, dass Würmer, Insekten oder Hühnerfüße auf den Teller kamen. Auch die lokalen Tischsitten entpuppten sich für manchen Paddler zur Herausforderung. Beim Versuch Reis, Nudeln oder gar Erdnüsse mit Stäbchen zu essen, hatten nicht wenige die Angst sich dabei die Finger zu brechen. Es kostete zwar Überwindung, aber letztendlich wurde alles probiert, was serviert wurde und den Geschmack von frittierten Hornissen wird so schnell wohl keiner vergessen.

Rennen auf dem Jangtse River

Die Strecke auf dem zügig fließenden Jangtse River war nicht sonderlich schwer, die Streckenlänge von 4 Minuten allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Neben Teilnehmern aus vielen Europäischen Ländern, sowie Neuseeland, Nepal und Chile gingen für Deutschland bei den Kajak Herren Yannic Lemmen (Düsseldorf), Finn Hartstein (Hamburg) und Tobias Kroener (Kelsterbach) an den Start. Die beiden Fuldaer Till Fladung (Canadier) und Janina Piaskowski (Kajak) und Kölnerin Maren Lutz, die sowohl im Kajak als auch im Canadier startete, machten das deutsche Team komplett. Im Vorlauf noch unter den Top 15 musste sich Till Fladung nach dem Finale leider mit Platz 19 zufrieden geben. Janina Piaskowski und Tobias Kroener konnten in ihrem Rennen beide Platz sieben erpaddeln.

Motiviert gingen die deutschen Sportler in das Highlight des Rennwochenendes, ein 12 Kilometer langer Marathon mit Massenstart. Für die regionalen Medien wurde aus allen Perspektiven gefilmt, sogar aus Motorbooten und mit Drohnen, um das Renngeschehen live zu übertragen. Die beste Taktik hatte der für Hamburg startenden Finn Hartstein. Trotz chaotischem Start, konnte er noch an die Führungsgruppe aufschließen und ganz an die Spitze fahren. Schlechter lief es für Tobias Kroener. Lange Zeit war er als Tempomacher in der Führungsgruppe aktiv, verlor aber knapp 2 Kilometer vor dem Ziel den Anschluss an die Spitze, als ihn gleich zwei Chinesen attackierten.

Durch eine fehlgeschlagene Kommunikation mit dem Chinesischen Veranstalter verlor auch der Canadierfahrer Till Fladung bei einem missglückten Start beachtlich Zeit auf die restlichen Starter und somit glich sein Rennen einer großen Aufholjagd. Einen deutlich besseren Start erwischte die Fuldaerin Janina Piaskowski bei den Kajak Damen. Sie konnte sich auf den ersten Kilometern im Hauptfeld halten, bis sie mit zwei Sportlerinnen aus Spanien und China eine Verfolgergruppe eröffnete. Diese funktionierte wie im Lehrbuch. Die Paddlerinnen wechselten sich ab mit Wellegeben, eine Technik vergleichbar mit dem Windschatten im Radsport, und die Distanz zur Spitzengruppe schrumpfte von Paddelschlag zu Paddelschlag. Für eine Spitzenplatzierung sollte es nicht mehr reichen, aber die Fuldaerin konnte sich in einem starken Zielsprint gegen ihre Konkurrentinnen aus Spanien und China durchsetzen und landete auf einem hervorragenden fünften Rang. Der Abschluss des ersten Rennwochenendes, ein traditionell chinesisches Abendessen mit ranghohen regionalen Politikern zeigte das starke Interesse der Chinesen am Kanusport.

 

Riesenwellen auf dem Salween River

In der Zeit bis zu den nächsten Wettkämpfen bekam die internationale Reisegruppe die Möglichkeit auf dem anspruchsvollen Wildwasserkanal vom Kanusportzentrum im Miyi zu trainieren. Das Dauergrinsen war nicht mehr aus den Gesichtern der deutschen Sportler zu bekommen, als sie in einer traumhaften Kulisse aus beeindruckenden Hochhäusern und Bergen das erste mal in die Boote steigen durften und das Paddeln bei 25 Grad Außentemperatur genießen konnten.

Immer im Hinterkopf war das nächste Ziel: der legendäre Tiger Jump auf dem Salween River. Die 10-stündige Busreise führte nach Liu Ku eine Stadt nahe der tibetanischen Grenze, die im letzen Jahr wie aus dem Nichts aufgebaut wurde. Von dort ging es mit Kleinbussen 60 Kilometer weiter zur Wildwasserpassage des Flusses. Aufgrund der sehr miserablen Straßenbedingungen dauerte diese Fahrt allerdings 3 Stunden und die Sportler waren heilfroh, als sie aus den Bussen steigen konnten. Man war sich sicher: die Autofahrten waren gefährlicher als das Paddeln auf dem anspruchsvollen Bach. Trotzdem verlangte die Strecke durch eine wunderschöne Schlucht von den Sportlern alles ab, denn für die meisten waren es die größten Wellen, die sie je bezwungen hatten. Der Nervenkitzel und die atemberaubende Atmosphäre in der Schlucht machten die Rennen durch den Tiger Jump zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Den Abschluss der Rennen bildete ein 18 Kilometer langer Marathon, bis in die Innenstadt von Liu Ku. Hier wurden die Athleten jubelnd von der einheimischen Bevölkerung empfangen. Wie schon beim ersten Marathon fuhren die Chinesen taktisch gute Rennen und sicherten sich in jedem Rennen die Goldmedaille. Tobias Kroener lag lange Zeit auf Medaillenkurs und führte die Kajak Herren an. Knapp 10 Minuten vor dem Ziel wurde er von einem Konkurrenten gedreht und verlor wertvolle Zeit, die er nicht mehr aufholen konnte. Er beendete die Wettkampfserie in China mit einem zehnten Platz im Marathon. Janina Piaskowski landete auf Rang 7 und Till Fladung wurde nach einem kräftezehrenden Rennen 13., eine hervorragende Leistung für den Fuldaer.

Die Gouverneurin der Region Yunnan zeigte sich so begeistert von den Wettkämpfen, dass sie prompt versprach bis zum Weltcup im nächsten Jahr ein Kanuzentrum bauen zu lassen, um den Sport in China populärer zu machen. Ein großer Erfolg in der Entwicklungsarbeit des Kanusports, mit dem vorher keiner gerechnet hat.

Alles in allem zeigten sich die 3 Hessen sehr zufrieden mit der Reise nach China, bei der ausnahmsweise nicht nur die Rennen, sondern auch die kulturelle Verständigung durch Sport im Vordergrund stand. Als Sportler einer nichtolympischen Sportart, konnte das deutsche Team außerdem zum ersten Mal erleben, wie es ist, wenn die Kosten für eine solche Veranstaltung getragenen werden und es für die ersten sechs Plätze in jeder Kategorie sogar Preisgeld gibt. Wichtiger war trotzdem, dass es eine Reise mit vielen wunderschönen Momenten, neu geschlossenen Freundschaften und aufregenden Abenteuern war, die noch lange in Erinnerung bleiben werden. 

Text: Till Fladung, Janina Piaskowski, Tobias Kroener

Fotos: Tobias Kroener

 

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